„Demokratie ist ein Tun-Wort“. Mit solchen und ähnlichen pfiffigen Slogans hat Redesign Democracy für politisches Engagement geworben. Das von mir mitgegründete Format nutzte Design Thinking, um junge Menschen zu politischem Aktivismus zu motivieren. Damit hatten wir großen Erfolg. Heute aber liegen die Herausforderungen woanders.

2017 war das Jahr des Erwachens. Donald Trump wurde als 45. Präsident der USA vereidigt, die AfD konnte in Deutschland in immer mehr Landesparlamente einziehen, und die Bilder von im Mittelmeer ertrinkenden Geflüchteten spalteten Europa. Unter aufrechten Demokraten wuchs die Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann. Menschen, die sich des politischen Aktivismus bis dato nicht verdächtig gemacht hatten, steckten an Stammtischen oder im Urlaub die Köpfe zusammen und raunten sich zu: „Da muss man doch was machen!“ Verschiedene Initiativen einer neuen Demokratie-Bewegung erblickten damals das Licht der Welt, allesamt mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten.

Bei uns im D.Collective e.V., einem Alumni-Verein der School of Design Thinking, war schnell klar welchen Schwerpunkt unser Beitrag zur Rettung der Demokratie haben sollte: Wir wollten Methoden aus Design Thinking nutzen, um junge Menschen dazu zu motivieren, selbst aktiv zu werden. Wir wollten politisches Interesse in Engagement verwandeln. Dieser Ansatz fußte auf einer simplen Erkenntnis aus qualitativen Interviews in unserem Bekanntenkreis: Viele Menschen waren politisch interessiert und schockiert ob der tagesaktuellen Nachrichtenlage, wollten gerne etwas tun – und wussten aber nicht, was der erste Schritt sein könnte. Im Gegensatz zum Engagement für Geflüchtete, wo man einfach in eine Unterkunft gehen, Dinge spenden oder mit anpacken konnte, gab es für engagierte Demokratinnen und Demokraten kein niedrigschwelliges Angebot um sich einzubringen. Die Hürde vom Interesse zum Engagement war hoch, und im D.Collective wollten wir diese Lücke füllen. Wir waren uns sicher, dass Design Thinking dafür die richtigen Methoden liefert – schließlich geht es in dem ganzen Framework darum, vom Reden ins Handeln zu kommen. „Don’t wait. Innovate!“ heißt der Slogan der School of Design Thinking in Potsdam. Unser Demokratie-Format tauften wir „Redesign Democracy“, angelehnt an generische Design-Thinking-Übungen, in denen es stets darum geht etwas zu „redesignen“, also zu verbessern indem man es von Grund auf neu denkt. Als Vorstandsvorsitzender des D.Collective wurde ich zum Projektverantwortlichen des neuen Formates und also zum Mitgründer von Redesign Democracy.

Der RDD-Prozess ist eine Abwandlung des Design-Thinking-Prozesses, wobei die Methoden im Workshop nicht im Vordergrund stehen.

Methodisch orientierte sich Redesign Democracy an sogenannten Design Sprints, knackigen Formaten in denen Teilnehmerinnen und Teilnehmer in kurzer Zeit alle sechs Phasen des Design Thinking durchlaufen. Angepasst auf unsere Zielgruppe nannten wir diese Phasen allerdings anders, und entwickelten sie zum Redesign-Democracy-Prozess. Im Kern ging es darum, herauszufinden, was einem selbst in der Demokratie besonders wichtig ist, mit Gleichgesinnten ein Team zu bilden, mit Fremden auf der Straße zu sprechen und somit die eigene Filterblase zu verlassen und dann ganz schnell ins Machen zu kommen: Brainstorming, Konzeptentwicklung, Kernfunktionen, Prototyping, Gameplan und konkrete Verabredungen für die nächsten Schritte. Die Ideen, die in unseren Redesign-Democracy-Workshops entwickelt wurden, konnten sich von Anfang an sehen lassen: Eine modulare Demokratie, in der man Ideen wählt statt Parteien. Der Politik-trifft-Realität-Jobaustausch für BerufspolitikerInnen. Oder die Erfahrungsreise  als Unterstützung bei der richtigen Berufswahl. Als gemeinnütziger Verein konnten wir im D.Collective zwar aus Kapazitätsgründen nicht nachverfolgen, ob und wie viele der Ideen auch wirklich umgesetzt worden sind. Was wir aber wissen, ist, dass viele der Netzwerke die sich in unseren Veranstaltungen etabliert haben, zu weiteren Initiativen geführt haben. Ein schönes Beispiel hierfür ist Es geht los, eine Initiative für geloste Bürgerräte, was sich aus einem Projekt eines Berliner und einem anderen Projekt eines Frankfurter RDD-Events ausgegründet hat.

Der Redesign-Democracy-Stand beim Creative-Buerocracy-Festival 2018 in Berlin.

Unser neues Format ging schnell durch die Decke. Drei Redesign-Democracy-Workshops haben wir in 2017 und 2018 in Berlin veranstaltet, bei denen alle 50 bzw. 75 Workshop-Slots im Nu ausgebucht waren und bis zu 350 weitere Interessenten auf der Wartelisten standen. In der Weiterentwicklung von Redesign Democracy half die befreundete Innovations-Agentur Journey 2 Creation zuverlässig mit ihren Räumlichkeiten aus. Mit w21k und ACB etablierten wir eine Partnerschaft, die uns ein frisches Corporate Design und eine ansprechende Website bescherten. RDD wurde eine Erfolgsgeschichte. Mit Zukunftsinstitut Workshop, dem Social Impact Lab FFM und Zibert&Friends fanden sich Partner in München und in Frankfurt am Main, die uns über Berlin hinaus weitere Events ermöglichten. Ein Highlight in der Weiterentwicklung von RDD war unsere Kooperation mit der Peace Factory, einem Design-Kollektiv aus Tel Aviv: Im Rahmen eines Austausches konnten im Sommer 2018 sechs israelische Kreative an einem eigens dafür entwickelten RDD-Workshop teilnehmen, im Gegenzug reisten wenige Monate später fünf unserer Coaches nach Israel, um bei einer Kampagnen-Entwicklung gegen Rassismus im Fußball zu unterstützen.

Dass wir nicht allein waren in unserem Kampf für die Demokratie, merkten wir spätestens durch eine Einladung zu einem Retreat an der Ostsee. Für ein paar Tage lang steckten wir mit Vertretern anderer Initiativen der neuen Demokratiebewegung, wie die Allianz für werteorientierte Demokratie in Freiburg, Kleiner Fünf in Berlin oder Save Democracy in Hamburg, die Köpfe zusammen, um uns gegenseitig kennenzulernen und Potentiale der Zusammenarbeit auszuloten. Zum Ende vieler unserer RDD-Workshops haben wir außerdem meist Vertreter von Parteien und NGOs eingeladen, um sich die Ergebnisse anzusehen und unter Umständen als Projektpaten zu matchen. Unter den politischen Organisationen war das Interesse an unserem Format groß, sodass wir erste Kooperationen eingegangen sind, um Design Thinking innerhalb der politischen Strukturen zu etablieren. Die Projekte beispielsweise mit der SPD Berlin-Mitte, Demokratie in Bewegung, der Europäischen Akademie Berlin, der Jungen Akademie in Frankfurt oder dem iRights Lab sind schöne Beispiele, wie man mit Hilfe von Innovationsmethoden die Demokratie auf ein neues Level heben kann.

Viele Menschen haben dazu beigetragen, Redesign Democracy zu einem Erfolg zu führen; ausdrücklich bedanken möchte ich mich bei Arvid Schwerin, der als Mitgründer vor allem in der Hochphase von Frühjahr 2017 bis Frühjahr 2018 beherzt und zuverlässig mit angepackt hat. Zuletzt ist es um Redesign Democracy dennoch ruhig geworden. Die letzte Veranstaltung fand vor ziemlich genau einem Jahr statt.  Ich selbst bin mittlerweile nicht mehr im Vorstand des D.Collective, und auch sonst haben sich die Zeiten geändert. Junge Menschen brauchen heutzutage nicht mehr motiviert zu werden, ihr politisches Interesse in Engagement zu verwandeln. In dynamischen Bewegungen wie Fridays for Future kriegen sie das ganz gut alleine hin; mit Gallionsfiguren wie Greta Thunberg oder Alexandria Ocasio-Cortez gibt es kraftvolle, weibliche Heldinnen, die das Heft des Handelns in die Hand nehmen. Unsere Herausforderung liegt heute hingegen woanders. Statt junge Menschen zum Aktivismus zu bewegen gilt es heute, Strukturen zu bauen, in denen politisches Engagement nachhaltig funktionieren und seine Wirkung entfalten kann. Parteien und politische NGOs existieren ja bereits, sie haben Macht, Einfluss und Geld. Jetzt müssen sie attraktiv werden für die Generation der Millennials. Damit zusammenfindet was doch eigentlich zusammengehört, müssen sie sich in politische StartUps verwandeln. Dabei unterstützen wir neuerdings mit Innovate Democracy. So schaffen wir Synergieeffekte, die eine unglaubliche Dynamik entfesseln, an dessen Ende eine neue, bessere Demokratie entsteht – und der Populismus nichts mehr zu lachen hat.