In Zeiten der Corona werden immer mehr Schulunterricht, aber auch Aus- und Fortbildungseinheiten in den virtuellen Raum verlegt. Digitales Lernen bietet zahlreiche Chancen, stellt Bildungsanbieter aber auch vor neue Herausforderungen. Als Workshop-Coach und Kommunikationsberater habe ich bereits zahlreiche virtuelle Lerneinheiten konzipiert und durchgeführt und dabei herausgefunden, was für Teilnehmende sinnvoll ist und was nicht so gut funktioniert. Meine Erfahrungen habe ich in 10 Do’s und Don’ts zusammengefasst. Gerne unterstütze ich Individuen und Organisationen dabei, eine digitale Lernumgebung einzurichten.

1) Asynchrones Lernen

Die Teilnehmenden müssen nicht ständig online und über eine Videokonferenz-Software miteinander verbunden sein. Digitales Lernen ist kein virtuelles Klassenzimmer! Vielmehr liegt die Chance in einer Abkehr vom synchronen Lernen, hin zu asynchronem Lernen: Zwischen zwei Phasen von zentralem Input (Kurzvortrag, Arbeitsanweisung o.ä.) hat jeder Teilnehmende die Gelegenheit, in eigenem Tempo zu lernen, zu arbeiten oder auch einfach eine Pause zu machen.

2) Weniger ist mehr

Die Erfahrung zeigt: Für die Erledigung von Aufgaben benötigen Teilnehmende in einem digitalen Setting manchmal doppelt so lange als im Workshopraum bzw Klassenzimmer. Wer regelmäßig Homeoffice macht, kennt das ja: Die Ablenkungen sind überall, manchmal will die Wäsche gewaschen werden, es gibt was zum Essen oder der Hund möchte mal spielen. Der Faktor Zeit sollte unbedingt bei einer realistischen Planung des Workloads berücksichtigt werden. 

3) Klare Anweisungen geben

Wer schon mal einen Konflikt via WhatsApp ausgefochten hat, der weiß: Im digitalen Raum entstehen schneller Missverständnisse als im analogen Leben. Daher gilt fürs Digitale Lernen umso mehr: Klare Anweisungen geben! Was ist der nächste Arbeitsschritt? Wie viel Zeit bleibt dafür? Und was ist das erwünschte Ergebnis (definition of done)? 


4) Erwartungen definieren

Die Erwartungen gehen einher mit dem Erteilen von klaren Anweisungen. Hilfreich ist dabei, schon einen Ausblick auf den übernächsten Arbeitsschritt zu geben. Wenn Teilnehmende wissen, wie das Ergebnis hinterher genutzt werden soll, erleichtert es, auf die wichtigsten Elemente zu fokussieren: Soll das Ergebnis besonders schön sein? Besonders sorgfältig und detailliert? Oder genügt vielleicht schon ein schnelles Testmodell („rough and dirty“), weil es eigentlich nur um die Kernfunktionen geht?


5) Empathisch sein

Digtiales Lernen ist für viele Menschen Neuland, und nicht alle können sich lange vor dem Monitor konzentrieren. Pausen sind womöglich häufiger von Nöten als in einer analogen Unterrichtseinheit. Auch sind zu lange Videocalls ermüdend; es empfiehlt sich daher, Online- und Offline-Phasen abzuwechseln und die Teilnehmenden auch mal dazu aufzufordern, sich vom Stuhl zu erheben, durch die Wohnung zu laufen und ein paar Stretch- oder Atemübungen zu machen. 

6) Einheitlich kommunizieren

Digitale Tools gibt es wie Sand am Meer, da ist die Gefahr groß den Überblick zu verlieren. Deshalb: Wenn man sich erstmal für ein paar Tools entschieden hat, mit denen auch alle Teilnehmenden klar kommen, sollte man auch bei diesen Tools bleiben. Am besten macht man sich vorher eine Liste, was über welche Software erledigt wird. Hausaufgaben (Email), Feedback zu Arbeitsaufträgen (Skype), Diskussion in der Gruppe (WhatsApp), Download von Arbeitsblättern (Dropbox) und so weiter.

7) „Bürozeiten“ einhalten

Es ist nicht erforderlich, dass die Lehrkraft bzw. die betreuende Person während des gesamten Tages erreichbar ist. Wenn die Teilnehmenden eigenständig Aufgaben erledigen, dann kann man sich als leitende Person auch mal aus dem virtuellen Klassenzimmer ausklingen und die Spülmaschine ausräumen. Wichtig ist aber, explizit Zeiten für Rückfragen anzubieten und diese „Bürozeiten“ dann auch einzuhalten, denn die Teilnehmenden verlassen sich darauf.

8) Feedbacks einholen

Gerade weil virtuell schon mal Gestik und Mimik etwas untergehen, haben Lernende und Lehrende nicht immer ein Gespür für die Stimmung im virtuellen Klassenzimmer. Umso wichtiger ist es, proaktiv Feedback einzuholen zu sein. Es hilft, regelmäßig abzufragen, wie hoch das Energielevel aussieht. Das kann per Gestik passieren (Daumen hoch, Daumen runter). Auch ist es empfehlenswert, jeden Teilnehmenden hin und wieder i Uhrkreis zu Wort kommen zu lassen – und sei es nur, um zu erfahren, wie alle mit dem letzten Arbeitsauftrag zurecht gekommen sind. 

9) Lernverständnis erhöhen

Wenn schon digital, dann richtig: Wer seine Vorlesungen am Computer hält, der kann direkt Youtube einbeziehen, Wikipedia, Abstimmungstools wie sli.do, interaktive Spielchen und alles, was die Multimedia-Erfahrung der Lerneinheit verbessert. Aber Achtung: Bei aller Experimentierfreudigkeit sollten neue Tools immer erst im kleinen Rahmen getestet werden. Teilnehmende sind keine Versuchskaninchen, und nichts ist nerviger, als wenn 30 Personen oder mehr darauf warten müssen dass die Technik funktioniert. 

10) Lernziele definieren

Was haben wir heute eigentlich alles getan? Wozu? Und was steht morgen auf dem Plan? Klar definierte Lernziele und das Einordnen einzelner Übungen in einen größeren Plan helfen allen Teilnehmenden, Motivation zu tanken und Sinn in die digitalen Lerneinheiten zu interpretieren. Pro-Tipp: Ein Ablaufplan als Phsenmodell kann zusätzliche Orientierung bieten, und wie bei einem Computerspiel kann zu beginn einer jeden Sitzung visualisiert werden, wo im gesamten Lernplan man sich grade befindet. 

(c) Titelfoto: www.quotecatalog.com.

Bei der Zusammenfassung hat mir die Grafik „Online Teaching @KIS: Do this, not that“ von Alison Yang sehr geholfen. Sie ist lizensiert unter einer Creative Commens Namensnennung und wurde dankenswerterweise von Manuel Garzi auf Deutsch übersetzt. Der Aufbau dieses Artikels sowie die Icons sind der Grafik entnommen; die deutsche Übersetzung hänge ich hier an diesen Beitrag an.