Seit fünf Jahren organisiert die Deutsch-Türkische Jugendbrücke Austauschformate, gewährt Förderungen und setzt sich für Initiativen ein, die eine Brücke zwischen der türkischen und der deutschen Kultur schlagen. Initiiert von der Stiftung Merkator, zählt die Deutsch-Türkische Jugendbrücke heute zu einem wichtigen Player der bilateralen Völkerverständigung. Zum Geburtstag hat die Deutsch-Türkische Jugendbrücke mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einem zweitägigen Zukunftsforum zusammengebracht. Mit dem D.Network habe ich einen Großteil der Veranstaltung mitkonzipiert und bei der Durchführung unterstützt. Rückblickend ist klar geworden: Nutzerzentriertes Design bringt Konferenzen einen großen Schritt weiter.

Wie können wir mit über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern den Geburtstag der deutsch-türkischen Jugendbrücke so feiern, dass die Anwesenheit der Gäste und ihr diverser Hintergrund einen nachhaltigen Nutzwert für die Jugendbrücke hat, aber auch die Gäste selbst voneinander lernen und profitieren können? Das war die Ausgangsfragestellung, mit der mein Team vom D.Network und ich uns konfrontiert sahen, als wir im Frühsommer 2018 mit der Konzeption begonnen haben. Kern des Zukunftsforums bildeten drei Workshops, in denen Teilnehmer*innen Austauschformate, strategische Partnerschaften und über Bedürfnisse zukünftiger Zielgruppen analysieren sollten. Eingeleitet wurde das Zukunftsforum mit einer Fishbowl-Diskussion, in der mit Hilfe wissenschaftlicher Experten die Herausforderungen quer zu den Workshop-Schwerpunkten aufgezeigt wurden. Das Ende des Zukunftsforums bestand ebenfalls in einer Fishbowl-Diskussion, um die Ergebnisse der Workshops zusammenzutragen und dem deutschen Außenminister Heiko Maas zu übergeben. Im D.Network haben wir mit insgesamt sieben Coaches, einem Sprachmittler und einem Foto-Reporter dazu beigetragen, dass das Event ein Erfolg geworden ist. Dabei haben wir auf fünf Prinzipien gesetzt: Radikale Partizipation der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, niedrigschwelliger Austausch von Erfahrungen, Nutzerzentrierung, das Erarbeiten konkreter Ergebnisse sowie ein hohes Maß an Spontanität und Flexibilität.

Radikale Partizipation der Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Stühlestapel läuteten die radikale Partizipation der Teilnehmenden ein. (c) Sandra Kaul

Alle meine Teammitglieder aus dem D.Network können ihr Leid von langweiligen Konferenzen klagen, mich eingeschlossen- Für die deutsch-türkische Jugendbrücke wollten wir deshalb etwas Anderes schaffen. Das Zukunftsformum sollte eine Veranstaltung werden, bei der aktive Partizipation die Regel, und das Anhören langer Frontalvorträge die Ausnahme ist oder überhaupt nicht vorkommt. Vom ersten Moment der Veranstaltung galt es daher, einen Raum zu eröffnen, in dem sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmern ermutigt fühlen, die 48 Stunden selbst aktiv mitzugestalten. Das Eis gebrochen haben meine Kollegin Sandra Kaul und ich deshalb schon beim Auftaktevent am Vorabend Zukunftsforums: Im ehrwürdigen Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin haben wir über 100 Personen ihre Vorstellung von deutsch-türkischen Beziehungen als lebende Skulptur gemeinsam mit Stühlendarstellen lassen. Zunächst bestanden die Skulpturen aus je zwei Personen und zwei Stühlen, dann vier Personen und vier Stühle und am Ende acht Personen und acht Stühle, die teilweise zu Türmen oder anderen Gebilden aufgestapelt wurden. Dazu lief im Hintergrund rhythmischer Elektro-Swing. Die Energie, die dieser unerwartete Veranstaltungs-Auftaktes freigesetzt hat, lag spürbar im Raum und die Lust an aktiver Partizipation hat sich über die vollen zwei Veranstaltungstage gehalten. Weitere Tools, die wir in den Veranstaltungsablauf eingebaut haben, waren beispielsweise regelmäßige Warm-Ups und Energizer in jedem Workshop und Briefboxen sowie ein zweiter Moderator im Publikumsraum bei den beiden Fishbowl-Diskussionsrunden.

Niedrigschwelliger Austausch von Erfahrungen

Immer wieder hatten die Teilnehmenden Gegegenheit, sich niedrigschwellig untereinander auszutauschen. (c) Ananda Rieber

Der größte Wissensschatz einer jeden Konferenz sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst. Diese goldene Regel liegt Barcamps zu Grunde, und beim Zukunftsforum haben wir deshalb ebenfalls einen Fokus darauf gelegt, niedrigschwellige Möglichkeiten des Erfahrungsaustausches zwischen den Teilnehmenden zu schaffen. Das begann mit ein paar kartesischen Profilen am Auftakt-Event, wo Teilnehmende sich zu inhaltlichen Fragen im Raum sortierten. Durch die gesamte Veranstaltung zog sich wie ein roter Faden ein Teilnehmer*innen-Bingo, das dazu ermunterte, fremde Personen aktiv anzusprechen. Jeder Workshop fing zudem mit Paar-Interview an, wo jeweils zwei Personen sich gegenseitig in einem dreistufigen Empathie-Interview zu ihren mit dem jeweiligen Schwerpunktthema gesammelten Erfahrungen interviewten.

Nutzerzentrierung

Ein Teilnehmer erstellt eine Persona. (c) Ananda Rieber

Die Austauschformate der Deutsch-Türkischen Jugendbrücke hätte man im Allgemeinen weiterentwickeln, die strategischen Partnerschaften im Allgemeinen diskutieren und die zukünftigen Zielgruppen im Allgemeinen beleuchten können. Bleiben Inhalte aber im Allgemeinen, verstecken sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer oft im Abstrakten und reden aneinander vorbei. Beim Zukunftsforum haben sich die Teilnehmenden stattdessen schnell in kleine Teams aufgeteilt und je Team für einen bestimmten Nutzer, eine so genannte Persona, Ideen entwickelt. Denn eine Persona ist greifbar, hat ein konkretes Problem – und bei Workshop-Ende kann überprüft werden, ob die Ideen dieser einen konkreten Persona auch wirklich helfen.

Erarbeiten konkreter Ergebnisse

Mit Hilfe von Prototyping-Material fiel es den Teilnehmern leicht, konkrete Workshop-Ergebnisse zu entwickeln. (c) Ananda Rieber

„Schön dass wir mal drüber gesprochen haben“ – das dürfte ein Fazit sein, mit dem die Teilnehmenden des Zukunftsforums nicht nach Hause gegangen sind. Denn der Austausch von Informationen war in den Workshops, die ich mit dem D.Network konzipiert habe, kein Selbstzweck. In allen drei Workshop-Formaten wurden die Teilnehmenden angehalten, im Anschluss an den Informationsaustausch konkrete Vorschläge zu erarbeiten, in extra erstellten Templates festzuhalten und miteinander in einer Abschlusspräsentation zu teilen. Wie genau können Austauschformate zwischen Schulen verbessert werden – und wer macht den ersten Schritt? Was genau erwarten potentielle Kooperationspartner, und wie können diese Erwartungen bedient werden? Und: Wie könnte die Zielgruppe der Deutsch-Türkischen Jugendbrücke in fünf Jahren aussehen, und wie kann sich die Organisation schon heute darauf einstellen? Die Expertise, Lösungen auf diese Fragen zu finden, haben die Teilnehmer mitgebracht, und in unseren Workshops konnten sie sie voll einsetzen.

Spontanität und Flexibilität

Jeder Coach hatte die Flexibilität, spontan Änderungen in der Agenda vorzunehmen. (c) Ananda Rieber

Wer bei der Konzeption und Durchführung einer größeren Veranstaltung wie dem Zukunftsforum unterstützt, der kommt um den Wasserfall-Ansatz als Planungsmethode nicht ganz herum, denn schließlich gilt es von der Veranstaltung rückwärts zu rechnen, was bis wann stehen muss. Gleichzeitig hat es sich aber bewährt, dass wir uns in der Planung und Durchführung viel agile Freiheit bewahrt haben, und auch auf die Eigenverantwortung und Problemlösungskompletenz der einzelnen Teammitglieder im D.Network gesetzt haben. So konnten wir auf spontane Herausforderungen reagieren: Ein kurzfristiges Switchen der Workshopsprache von Englisch auf Deutsch-Türkisch, ein spontaner Einsatz unsers Sprachmittlers als Experte für die Abrechnung von Flugtickets oder das Eskortieren des Bundesministers Heiko Maas aus dem Backstage-Raum zum Gruppenfoto-Termin sind nur drei Beispiele, wo meine Kolleginnen und Kollegen aus dem D.Network ganze Arbeit geleistet haben und ich wirklich froh wahr, dass wir im Team mit verteilten Verantwortlichkeiten arbeiten.