Ende 2016 bin ich in den Vorstand des D.Collective gewählt worden, einem gemeinnützigen Verein von Alumni der School of Design Thinking. Zwei Jahre lang war ich Mitglied im Board, danach habe ich mich entschlossen aus dem Verein drei Spin-Offs auszugründen: Das D.Network, Innovate Democracy und die D.Community. Hier berichte ich, warum das keine einfache aber dennoch die richtige Entscheidung war.

Vorstand des D.Collective – juchu! Ende 2016 war die Freude groß, als ich mit sieben anderen Personen gemeinsam den Vorsitz des D.Collective übernommen habe. Wir hatten uns ein paar Monate lang darum bemüht, die Gründer-Generation abzulösen, die schon damals mit ihrer eigenen Agentur Journey 2 Creation gut beschäftigt waren. Das D.Collective aber, ein Verein und ein Coworking-Space in Berlin-Neukölln, suchte neue Aktive und neue Visionen. Und die hatten wir. Wir hatten bereits Stammtische gemeinsam organisiert, eine Party geschmissen und einen Workshop an der TU Berlin gecoacht. Nun wollten wir gemeinsam durchstarten. Wir wollten die Alumni-Organisation wiederbeleben, Workshop-Formate entwickeln und das D.Collective zur Nummer Eins in der Innovationsberatung für Politik, Gesellschaft und Weiterbildung entwickeln.

Golden Years

2017 und die erste Hälfte von 2018 war die goldene Zeit unserer D.Collective-Generation. Mit dem Say-Hello-Stammtisch hatten wir ein erfolgreiches Format etabliert, um Studierende der D.School mit Alumni zu vernetzen und gleichzeitig für die D.Collective-Projekte zu werben. Davon gab es zahlreiche: Da war unser Leuchtturm-Projekt Redesign Democracy, mit dem wir politisch interessierte junge Menschen zum Engagement motiviert haben – ein Format, das schnell bundesweit nachgefragt wurde. Wir haben außerdem Workshops fürs Auswärtige Amt gecoacht, für das Goerdeler-Kolleg, die Europäische Akademie, Kleiner Fünf, die Robert-Bosch-Stiftung, für Hackerstolz, die Factory Berlin, die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, das iRights-Lab, die srh Hochschule, die Business-Trend-Akademie, die SPD Berlin-Mitte, für Demokratie in Bewegung, Polis 180, das Future Party Lab und vieles andere mehr. Manche der Jobs gaben gutes Geld, andere waren pro bono, doch das Honorar stand ohnehin nicht im Vordergrund. Wichtig war, gemeinsam eine gute Zeit zu erleben und einen Impact zu entfalten. Das D.Collective wuchs und wuchs. Am Ende hatten wir eine stattliche Größe von 120 Mitgliedern. Und wir wurden leichtsinnig. Eine Einlass-Kontrolle gab es nicht, einfach jede*r konnte beitreten, unabhängig davon ob er oder sie jemals an der D.School ein Zertifikat erworben, ein agiles Mindset oder sonstirgendeinen Bezug zum bestehenden Team vorweisen konnte. Dieses unkontrollierte Wachstum sollte dem D.Collective am Ende auf die Füße fallen. Zu viele Menschen sind Mitglied im D.Collective geworden und sie hatten zu unterschiedliche Erwartungen: Manchen ging es ums Alumni-Netzwerk, manche waren vor allem an bezahlten Coaching-Jobs interessiert. Gleichzeitig machten sich erste interne Konflikte bemerkbar: Coaches des D.Collective gründeten eine eigene Agentur und zogen D.Collective-Kontakte ab, um für sich damit Geld zu verdienen – wir hatten schlicht versäumt, hier klare Regelungen zu finden.

Drei auf einen Streich: Der 28. April 2018 war gleichzeitig Höhepunkt des D.Collectives, und Anfang vom Ende. – Quelle: facebook.com/d.collective.berlin

Der Anfang vom Ende 

Das Ende des D.Collective wurde zu dessen Höhepunkt eingeläutet. Es war der 28. April 2018, wir hatten an dem Tag drei Workshops parallel bespielt: Disrupt SPD in Berlin, ein Redesign Democracy in Freiburg und Forward Thinking, ein Kongress für Nachhaltigkeit. Das D.Collective war gut gebucht und entfaltete Impact. Zu diesem Zeitpunkt kehrte ein Vorstandsmitglied von einer Geschäfts- und Selbstfindungs-Reise aus Singapur zurück. Ihre persönliche Verwirrung übertrug diese Person auf die gesamte Organisation, und stürzte das D.Collective Hals über Kopf in eine Orientierungskrise. Wer sind wir? Was tun wir eigentlich, und warum? Und: Sollten wir das alles nicht vielleicht lieber sein lasen, weil es keinen Sinn ergibt? Es stimmt: Im D.Collective hatten wir den Fokus sehr stark auf die Projektarbeit gelegt, und die Nachjustierung des eigenen Purpose wäre damals tatsächlich wichtig gewesen. Doch es braucht einen Rahmen und die passenden Methoden, damit es klappt. Der interne Strukturprozess, in den das D.Collective-Kernteam hineingezogen worden ist, war hingegen planlos, überstürzt und ohne ein klares Ziel vor Augen. Eine Krisensitzung folgte auf die nächste, es häuften sich Momente der Ratlosigkeit und im Herbst 2018 war klar: Niemand aus dem amtierenden Vorstand, nicht einmal ich, wollte sich nochmal zur Wahl stellen. Dieses Vakuum an Führung öffnete nun im D.Collective die Tür für Personen, die sich zuvor im Hintergrund gehalten haben. Menschen ohne Design-Thinking-Skills und ohne agiles Mindset bekamen die Chance, eine leitende Rolle zu spielen. Ein siebenköpfiges Leitungsteam, das versuchte, intern eine Soziokratie aufzubauen, sah sich auf einmal in den eigenen Reihen konfrontiert mit Menschen, die lieber Stillstand verwalten als Zukunft gestalten wollten. Anstelle einer schlanken Struktur wurden unzählige Kreise gebaut, kombiniert mit einem dutzend Rollen und vier Elementen, sodass bald niemand mehr verstand, wie alles zusammen funktionieren sollte. Gleichzeitig lagen die Projekte nahezu brach. 

Drei Ausgründungen

D.Network, Innovate Democracy und die D.Community: Im Sommer 2019 entstanden drei Spin-Offs aus dem D.Collective e.V.

Ende März war die Umstrukturierung offiziell vorbei, doch im Kernteam des D.Collective war noch nichts geklärt. Weder wussten wir, wie man einen Kreis gründet, noch, wie Entscheidungen getroffen werden. Als zur Diskussion stand, die Umstrukturierungs-Pause deshalb auf unbestimmte Zeit zu verlängern, beschloss ich gemeinsam mit ein paar anderen Aktiven des Vereins, zu handeln. So wie ein Schnellboot von einem unbeweglichen Tanker aus ins Wasser gelassen wird, gründeten wir aus dem D.Collective im Mai 2019 das D.Network aus, ein Netzwerk von 15 Coaches und Beratern, die schnell vom Reden ins Machen kommen wollten. Wir lernen seitdem aus den Fehlern, die im D.Collective begangen worden sind. Wir lassen das Team bewusst klein, 15 Personen ist die maximale Größe. Wir haben Prinzipien nach denen wir zusammenarbeiten und die in einem Onboarding-Prozess für jeden transparent werden, der oder die mitmachen möchte. Und wir agieren intern immer in Sprints von drei Monaten – zwischen den Sprints evaluieren wir die Ziele und die Prinzipien, aber während der Sprints kommen wir ins Machen und setzen Projekte um. Gemeinsam bedienen wir nun die Workshop- und Coaching-Anfragen, die früher wohl beim D.Collective gelandet wären. Wir existieren seit April 2019 und arbeiten bereits mit dem BMI, der Friedrich-Stiftung, Tech4Germany, der Hochschule für Nachhaltigkeit Eberswalde, der Stiftung Digitale Spielkultur, der Jüdischen Studierenden-Union, der Deutsch-Türkischen Jugendbrücke, mit Hackerstolz und einigen weiteren Partnern. 

Weil die Förderung der Demokratie mir immer schon ein Herzensanliegen war und das D.Collective nicht zulassen wollte, dass ich Redesign Democracy ausgründe, baute ich mit einigen Kolleginnen und Kollegen innerhalb des D.Network die Initiative Innovate Democracy auf. Statt junge Menschen für Demokratie zu begeistern, fokussiert die neue Marke auf Innovation in politischen Organisationen und Parteien (hier wird erklärt, warum sich der Fokus geändert hat). Vor Corona war der Plan, im Herbst 2020 eine Konferenz zu organisieren. Mittlerweile fokussieren wir uns auf Meetups und die Vernetzung von Best-Practise-Beispielen innovativer Politikformate.

Und die Alumni-Arbeit? Immerhin hatte alles mit einem Stammtisch für den Basic- und den Advanced Track der HPI School of Design Thinking begonnen, noch bevor wir die zweite Generation des D.Collective gestartet haben. Es ist bezeichnend für die toxische Team-Kultur, die sich mittlerweile im im D.Collective ausgebreitet hat, dass alle Versuche, erneut zu einem Stammtisch einzuladen, durch ein Veto des amtierenden Vorstandes ausgehebelt worden sind. Wer Bock auf Alumni-Arbeit hatte, dem blieb also keine Wahl, als eine neue Alumni-Organisation zu gründen. Über den Sommer 2019 hat sich eine Gruppe von rund zehn Personen gefunden, die unabhängig von den D.Collective-Strukturen Meetups und Networking-Events organisieren. Seit August 2019 gibt es die D.Community, und wir sind mit unserem Alumni-Programm im Wintersemester 2019/20 gestartet. Aktuell arbeiten wir an Digital-Formaten, um Networking auch in Zeiten von Corona zu ermöglichen.

Epilog: So ging es weiter mit dem D.Collective

Worst Case Teamwork: So sieht es gerade im D.Collective aus.

Die weitere Zukunft des D.Collective ging steil bergab. Im Dezember 2019 lud der Verein zu einer Mitgliederversammlung ein, bei der ein neuer Vorstand gewählt werden sollte. Seit März 2019 ist kein einziges Projekt mehr durchgeführt worden, es fand kein Event mehr statt und es wurde kein einziges Neumitglied mehr aufgenommen. Ich bin mit einem Team aus insgesamt drei Personen erneut angetreten, um zu retten, was vom Verein zu dem Zeitpunkt noch übrig war. Obwohl es keine Gegenkandidat*innen gab, wurde unser Team nicht gewählt; mangels Alternative durfte der amtierende Vorstand im Amt bleiben. Die gesamte Mitgliederversammlung dauerte statt der veranschlagten zwei Stunden rund sieben Stunden mit mehreren Unterbrechungen. Zwischendurch wedelten Mitglieder mit Stapeln von ausgedruckter Email-Kommunikation und drohten damit, diese im Plenum zu verlesen. Es wurden Anträge über die Herausgabe von Passwörtern zu Website-Backends und Servern gestellt und diskutiert, obwohl diese Zugangsdaten seit über einem Jahr für alle Vereinsmitglieder in der internen Cloud zugänglich sind. Mitglieder schrien einander an, einige verließen entnervt vorzeitig die Veranstaltung.

Kurz darauf, im Januar 2020, bin ich aus dem D.Collective ausgetreten. Im Mai 2020 endete meine erste juristische Auseinandersetzung mit dem Verein. Ich musste einen Anwalt einschalten, um das D.Collective zu zwingen, meinen Namen von seiner Website zu löschen, die Postadresse meiner WG offline zu nehmen und mich aus dem Vereinsregister auszutragen. Dort war ich noch gelistet, obwohl ich seit Herbst 2018 (!) nicht mehr im Vorstand bin. Man muss sich das vergegenwärtigen: Weil ich Briefe stets mit dem Vermerk „unbekannt verzogen“ an den Absender zurückgeschickt habe, hat das D.Collective seit eineinhalb Jahren keine Post mehr bekommen – und der Verein hat nichts davon gemerkt. Es braucht jetzt eine neue Generation, die das D.Collective von Null neu aufbaut. Wenn jemand Kapazitäten hat: Meldet euch bei vorstand@d-collective.org und erklärt, was ihr vorhabt. Amtierender Vorstand sind Anne Güntzel, Deborah Kohn und Felipe Duarte; die drei sind in anderen Konstellationen Co-Founder. Sie haben die Agenturen FuxLux, XY Ventures und Dupluswie mitgegründet, wo sie Organisationen zu den Themen „positive Gruppendynamik“ und „bessere Zusammenarbeit“ beraten wollen. Vielleicht kann ja auch das D.Collective mal von dieser anscheinend vorhandenen Expertise profitieren.

Falls eine Rettung des Vereins überhaupt noch möglich ist, kann die Zukunft nur ein echter Neuanfang sein. Drei Faktoren sind dabei entscheidend.

  1. Mitglieder, die alte Konfliktlinien repräsentieren, sollten austreten und Platz für eine neue Generation machen – ich bin hier mit gutem Beispiel vorangegangen.
  2. Es braucht einen klaren Purpose und niedergeschriebene Prinizipien, die beinhalten, wie man zusammenarbeiten möchte, was das Ziel der Zusammenarbeit ist, und wie mit Geld umgegangen wird.
  3. Außerdem, und das ist vielleicht das wichtigste Learning aus meiner Zeit im D.Collective: Man sollte gerne miteinander Zeit verbringen wollen und sich gegenseitig wohlwollend gegenüber stehen. Wo Neid und Missgunst herrschen und Menschen sich kontrollieren statt einander zu vertrauen, da kann kein positives Klima entstehen.

Meine eigenen zehn Key Learnings aus zweieinhalb Jahren D.Collective habe ich in diesem Artikel zusammengefasst und stehe bei Bedarf einer neuen D.Collective-Generation gerne als außenstehender Berater zur Seite. Das würde ich sogar pro bono machen, weil mir am Herzen liegt, dass der Verein, der den Grundstein für D.Network, Innovate Democracy und die D.Community gelegt hat, sich nicht einfach so auflöst.