Abilene-Paradox: Wenn keiner gewinnt

von | Mrz 28, 2020 | Organisationsberatung, Organisationsentwicklung

Gute Entscheidungen können von einer Person getroffen werden, von der Mehrheit oder im Konsens. Manchmal aber kommt es vor, dass die gesamte Gruppe eine Entscheidung trifft, die der persönlichen Präferenz von keinem einzigen Gruppenmitglied entspricht. Dieser Fall, bei dem keiner gewinnt, heißt Abilene-Paradox. Wer Gruppen coacht, tut gut daran, dieses Phänomen zu kennen – und Strategien, um aus der Falle herauszukommen.

Man stelle sich vor: Es ist ein heißer Tag, und alle wollen was draußen machen. Entweder Freibad oder raus an den See, da ist man sich noch nicht ganz einig. Am Ende landen alle in einem dunklen, schlecht belüfteten Kinosaal, und schauen sich einen Streifen an, auf den niemand so richtig Bock hat. Wie kann das passieren? Es nennt sich Abilene-Paradox, wenn keiner gewinnt und die gesamte Gruppe ins Elend schlittert, so wie Lemminge sich gemeinsam den Berg herunterstürzen. Zu diesem Phänomen kommt es, wenn in einer Gruppe keine Aufrichtigkeit mehr herrscht, oder Personen mit einer hidden agenda unterwegs sind, also etwas anderes im Schilde führen als sie nach außen kommunizieren. Dann kann es vorkommen, dass eine Entscheidung getroffen wird, weil jeder aus der Gruppe von den anderen Annahmen hat, die nicht der Realität entsprechen.

Folgende Ursachen können einzeln oder in Kombination zum Abilene-Paradox führen:

  • Das Machtspiel. Legt man ein Machtspiel zu Grunde, dann geht es nicht mehr um den eigentlichen Inhalt einer Entscheidung, sondern darum, dass man mit seiner Entscheidung durchkommen möchte, um nicht das Gesicht zu verlieren. Wer einmal damit gedroht hat, bestimmte Vorstandskandidaten nicht zu wählen, der muss das durchziehen – auch, wenn es keine Alternative gibt. Wer einmal behauptet hat, der Klimawandel existiert nicht, der kann nicht einfach so zurückrudern. Wer einmal gesagt hat, Corona ist eine Erfindung von Bill Gates… diese Argumentationsfigur ließe sich auf vieles anwenden.
  • Das Pokern. Manchmal kommt es zum Abilene-Paradox, weil Personen austesten wollen, wie weit andere Akteure gehen. Diese Art des Provozierens kennt man aus der Spieltheorie.
  • Der Gesichtsverlust. Wie beim Pokern, spielen auch beim Gesichtsverlust die sozialen Dynamiken einer Gruppe eine große Rolle, nur dass es hier nicht ein Kontrahent sondern die eigenen Mitstreiter*innen sind, an denen man sich orientiert. Man will sich nicht blamieren, etwa, indem man nun doch sein angekündigtes Abstimmungsverhalten ändert.

Ein konkretes Beispiel für das Abilene-Paradox sind meine eigenen Erlebnisse in meiner Zeit im D.Collective eV., einem gemeinnützigen Innovations-Vereins von Studierenden und Alumni der HPI School of Design Thinking. Auf Grund unterschiedlicher Vorstellungen von der zukünftigen Ausrichtung des Vereins habe ich 2018 das D.Network ausgegründet, eine Agentur für Digitale Transformation. Im Winter 2019 hat sich endlich ein neues Team gefunden, um für einen neuen Vorstand zu kandidieren. Dieses Team wurde allerdings nicht gewählt; mangels Gegenkandidat*innen wurde auch kein anderer Vorstand gewählt. Das Kollektiv war daraufhin gezwungen, sich selbst aufzulösen. Im Interesse der über 120 Mitglieder war das nicht, schließlich wird ihnen von einem Verein, der nicht mehr existiert, nichts mehr geboten. Zudem sind die verbliebenen Aktiven nun bereits seit über zwölf Monaten mit den bürokratischen Herausforderungen der Vereinsauflösung beschäftigt. Wer wie Jan von der Heyde und Kilian Karg, beide Co-Founder der Organisationsberatung Protellus, den Verein zu einer „Alumniorganisation“ entwickeln wollte, kann nicht zufrieden sein, denn die Alumni haben nun gar keine Anlaufstelle mehr. Und meine Teamkolleg*innen von Redesign Democracy, Arvid Schwerin und die DJane und Yoga-Lehrerin Katharina von Sohlern, haben gemeinsam mit dem Verein auch ihr Lieblingsprojekt beerdigt. Cui bono – wer profitiert hier? Einfach niemand.

Vereine die sich auflösen, Unternehmen die in den Konkurs fallen, Familien die sich zerstreiten – die Welt ist voll von Beispielen für das Abilene-Paradoxon. Dass die Menschheit die Klimakrise seit Jahrzehnten nicht bewältigt ist einem solchen Paradox geschuldet. Dass Deutschland über den Sommer und Herbst 2020 kollektiv in eine zweite Pandemie-Welle geschlittert ist, ebenfalls. Wie aber hätte man solche Fälle frühzeitig erkennen und verhindern können, dass es zur Tragödie kommt? In meiner Berater-Tätigkeit habe ich drei mögliche Strategien gefunden, die sich getrennt voneinander, aber auch in Kombination einsetzen lassen.

  1. Paradox aufzeigen. Wissen ist Macht: Wer das Abeline-Paradox kennt, kann es beschreiben, auf wissenschaftliche Studien (oder diesen Artikel hier) verweisen und hoffen, dass sich in der Gruppe Erkenntnis ausbreitet.
  2. Auf gemeinsames Ziel verweisen. Was wollten wir eigentlich nochmal erreichen? War es nicht Ziel, einen sonnigen Sommertag am Wasser zu verbringen? Oder gemeinsam einen Verein aufbauen, der die Welt zu einem besseren Ort macht? Sich das gemeinsame Ziel immer wieder zu vergegenwärtigen, hilft, das Abeline-Paradox auszuhebeln.
  3. Konsequenzen aufzeigen. Nehmen wir an, wir gehen diesen Weg jetzt tatsächlich weiter – wo stehen wir dann gemeinsam in fünf Jahren? Gibt es uns in fünf Jahren überhaupt noch? Was würde unser fünf Jahre älteres Ich uns heute raten? Solche Gedankenspiele helfen, ein Abeline-Paradox zu erkennen und eine bessere Entscheidung zu treffen.

Allen Vereinen, Organisationen oder auch Individualpersonen, die sich in einem Abilene-Paradox befinden, kann ich nur raten: Bleibt vernünftig. Das Abeline-Paradox ist es nicht. Es ist paradox, das steckt ja schon im Namen drin. Vernunft aber wird langfristig gewinnen. Meistens jedenfalls.

Titelbild (c) Cindy Tang on Unsplash

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