Abilene-Paradox: Wenn keiner gewinnt

von | Aug 12, 2020 | Organisationsberatung, Organisationsentwicklung

Gute Entscheidungen können von einer Person getroffen werden, von der Mehrheit oder im Konsens. Manchmal aber kommt es vor, dass die gesamte Gruppe eine Entscheidung trifft, die der persönlichen Präferenz von keinem einzigen Gruppenmitglied entspricht. Dieser Fall, bei dem keiner gewinnt, heißt Abilene-Paradox. Wer Gruppen coacht, tut gut daran, dieses Phänomen zu kennen – und Strategien, um aus der Falle herauszukommen.

Man stelle sich vor: Es ist ein heißer Tag, und alle wollen was draußen machen. Entweder Freibad oder raus an den See, da ist man sich noch nicht ganz einig. Am Ende landen alle in einem dunklen, schlecht belüfteten Kinosaal, und schauen sich einen Streifen an, auf den niemand so richtig Bock hat. Wie kann das passieren? Es nennt sich Abilene-Paradox, wenn keiner gewinnt und die gesamte Gruppe ins Elend schlittert, so wie Lemminge sich gemeinsam den Berg herunterstürzen. Zu diesem Phänomen kommt es, wenn in einer Gruppe keine Aufrichtigkeit mehr herrscht, oder Personen mit einer hidden agenda unterwegs sind, also etwas anderes im Schilde führen als sie nach außen kommunizieren. Dann kann es vorkommen, dass eine Entscheidung getroffen wird, weil jeder aus der Gruppe von den anderen Annahmen hat, die nicht der Realität entsprechen.

Folgende Ursachen können einzeln oder in Kombination zum Abilene-Paradox führen:

  • Das Machtspiel. Legt man ein Machtspiel zu Grunde, dann geht es nicht mehr um den eigentlichen Inhalt einer Entscheidung, sondern darum, dass man mit seiner Entscheidung durchkommen möchte, um nicht das Gesicht zu verlieren. Wer einmal damit gedroht hat, bestimmte Vorstandskandidaten nicht zu wählen, der muss das durchziehen – auch, wenn es keine Alternative gibt. Wer einmal behauptet hat, der Klimawandel existiert nicht, der kann nicht einfach so zurückrudern. Wer einmal gesagt hat, Corona ist eine Erfindung von Bill Gates… diese Argumentationsfigur ließe sich auf vieles anwenden.
  • Das Pokern. Manchmal kommt es zum Abilene-Paradox, weil Personen austesten wollen, wie weit andere Akteure gehen. Diese Art des Provozierens kennt man aus der Spieltheorie.
  • Der Gesichtsverlust. Wie beim Pokern, spielen auch beim Gesichtsverlust die sozialen Dynamiken einer Gruppe eine große Rolle, nur dass es hier nicht ein Kontrahent sondern die eigenen Mitstreiter*innen sind, an denen man sich orientiert. Man will sich nicht blamieren, etwa, indem man nun doch sein angekündigtes Abstimmungsverhalten ändert.

Ich habe das A bilene-Paradox selbst kürzlich erlebt beobachtet, und zwar in meiner Zeit im D.Collective eV., einem gemeinnützigen Innovations-Vereins von Studierenden und Alumni der HPI School of Design Thinking. Auf Grund unterschiedlicher Vorstellungen von der zukünftigen Ausrichtung des Vereins habe ich 2018 das D.Network ausgegründet, eine Agentur für Digitale Transformation. Nachdem der Verein daraufhin ein ganzes Jahr inaktiv gewesen ist, habe ich im Winter 2019 ein neues Team gefunden, um gemeinsam mit mir noch einmal für den Vorstand des Kollektivs zu kandidieren. Allerdings: Unser Team wurde nicht gewählt. Weil es auch keine Gegenkandidat*innen gab, hat der Verein stattdessen seine Selbstauflösung beschlossen. Im Interesse der Mitglieder, die ihre Stimme abgegeben haben, war das nicht. Da waren beispielsweise Anne Güntzel, die Co-Founderin der Organisationsberatung FuxLux, und die freiberufliche Beraterin Deborah Kohn. Beide waren seit eineinhalb Jahren Vorstandsvorsitzende, wollten aber seit Monaten ihre Vorstandsämter an Nachfolger*innen abgeben. Statt an einen neuen Vorstand zu übergeben, müssen sie sich nun mit der bürokratischen Abwicklung des Vereins auseinandersetzen. Oder Jan von der Heyde und Kilian Karg, beide Co-Fouder der Organisationsberatung Protellus, die den Verein zu einer „Alumniorganisation“ entwickeln wollten und nun stattdessen den Alumni gar nichts mehr bieten können. Oder Arvid Schwerin und die DJane und Yoga-Lehrerin Katharina von Sohlern, die beide das Programm Redesign Democracy ausbauen wollten, was mit der Auflösung des Vereins nun ebenfalls aufhört zu existieren. Wie aber hätte man dieses Abeline-Paradox frühzeitig erkennen und verhindern, dass es zur Tragödie kommt?

In meiner Berater-Tätigkeit habe ich drei mögliche Strategien gefunden, die sich getrennt voneinander, aber auch in Kombination einsetzen lassen.

  1. Paradox aufzeigen. Wissen ist Macht: Wer das Abeline-Paradox kennt, kann es beschreiben, auf wissenschaftliche Studien (oder diesen Artikel hier) verweisen und hoffen, dass sich in der Gruppe Erkenntnis ausbreitet.
  2. Auf gemeinsames Ziel verweisen. Was wollten wir eigentlich nochmal erreichen? War es nicht Ziel, einen sonnigen Sommertag am Wasser zu verbringen? Oder gemeinsam einen Verein aufbauen, der die Welt zu einem besseren Ort macht? Sich das gemeinsame Ziel immer wieder zu vergegenwärtigen, hilft, das Abeline-Paradox auszuhebeln.
  3. Konsequenzen aufzeigen. Nehmen wir an, wir gehen diesen Weg jetzt tatsächlich weiter – wo stehen wir dann gemeinsam in fünf Jahren? Gibt es uns in fünf Jahren überhaupt noch? Was würde unser fünf Jahre älteres Ich uns heute raten? Solche Gedankenspiele helfen, ein Abeline-Paradox zu erkennen und eine bessere Entscheidung zu treffen.

Allen Vereinen, Organisationen oder auch Individualpersonen, die sich in einem Abilene-Paradox befinden, kann ich nur raten: Bleibt vernünftig. Das Abeline-Paradox ist es nicht. Es ist paradox, das steckt ja schon im Namen drin. Vernunft aber wird langfristig gewinnen. Meistens jedenfalls.

Titelbild (c) Cindy Tang on Unsplash

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