D.Collective: Redesign Democracy #1

Das Jahr 2016 war ganz schön fordernd für die Demokratie: Brexit, die Wahl Donald Trumps, die Türkei unter Erdogan und nicht zuletzt das Anschwellen von Populismus und Hass überall in Europa. Viele Menschen haben aber auch das Gefühl, das etwas schief läuft in der Demokratie. Sie suchen eine Möglichkeit, anzupacken, etwas zu verändern. Gleichzeitig scheinen die etablierten Parteien etwas hilflos zuzuschauen: Niemand hat so richtig Ahnung, wie Demokratie und Bürger wieder zusammenfinden sollen. Zeit, der Demokratie ein Redesign zu verpassen! Hier kommt Design Thinking ins Spiel. Ursprünglich im Silicon Valley zur Produktentwicklung konzipiert, unterstützt dieser sechsstufige Prozess mittlerweile in allen möglichen Bereichen darin, komplexe Probleme zu lösen und dabei stets die Zielgruppe im Blick zu behalten. Genau das braucht die Demokratie gerade: Schnelle und smarte Lösungen auf aktuelle Probleme, die den End-Nutzer, also die Bürgerinnen und Bürger, im Blickfeld behält.

Das ist der Ansatz von Redesign Democracy: Tools aus Design Thinking in einem halbtätigen Workshop auf aktuelle politische Probleme anwenden, um schnell greifbare Lösungsansätze in der Hand zu halten. Gemeinsam mit Freunden aus dem D.Collective habe ich dieses Format entwickelt und am vergangenen Sonntag in den Räumen der Agentur Journey2Creation das erste Mal ausprobiert. Schon allein die Resonanz war überwältigend: Die 30 Eventbrite-Tickets, die wir zur Verfügung gestellt haben, wurden uns in 24 Stunden aus der Hand gerissen, ein erweitertes Kontingent von zusätzlichen zehn Eintrittskarten war am kommenden Tag auch weg. Und die meisten der 40 Interessenten sind auch tatsächlich vor Ort erschienen – was für Berliner Verhältnisse einer Sensation gleichkommt.

Nach einem Input-Video haben wir zu Beginn des Workshops nach dem BarCamp-Prinzip erstmal Themen gepitcht, um die sich die Teilnehmer dann gruppieren konnten. So sind fünf Teams entstanden, die sich mit unterschiedlichen Teilaspekten der Demokratie beschäftigen wollten: Neues Steuersystem, authentischere Politiker-Sprache, Filter-Bubble, einfacheres Wahl-System oder eine Positiv-Vision gegen populistische Dystopien. In einem moderierten Brainstorming haben die Teams anschließend eine 360-Grad-Analyse durchgeführt, was genau in ihrem jeweiligen Themenschwerpunkt schief läuft, warum das so ist und wer die Stakeholder sind. In einem Reverse Brainstorming wurden die Teilnehmer daraufhin in die Lage versetzt, ihre Positiv-Vision einer idealen Welt zu kreieren, in der alle Negativ-Aspekte in ihrem Gegenteil existieren. Genau diese Positiv-Vision war am Ende Grundlage für einen Ideation-Prozess: Welches Kern-Element unserer Zukunftsvision müssen wir als ersten Schritt angehen? Wie machen wir das? Was erfüllt das Bedürfnis unserer Zielgruppe am besten? Charretting, Hot Potatoe und die Disney-Methode sind Brainstorming-Techniken, die auch in diesem Zusammenhang Teilnehmer zu kreativen Höhenflügen befähigen. Die Ergebnisse am Ende des sechsstündigen Workshops konnten sich sehen lassen. Gegen die Filter-Bubble soll ein I’m in the grey-Button auf Facebook installiert werden können, der nicht nur schwarz-weiße Meinungen zulässt, sondern Fremde miteinander ins Gespräch bringt. Steuern zahlen soll Spaß machen, indem es auf regionaler Ebene wie ein Crowdfunding-Prozess designed wird – inklusive schicker Grafik und Inzentivierungs-Mechanismen.  Und Politiker werden spielerisch zu verständlicher Sprache gezwungen, indem eine Videoblog-Software ihnen jeden Tag das Benutzen einiger Bullshit-Wörter verbietet.

Natürlich ist klar: Mit diesen Ideen ist die Demokratie noch nicht gerettet. Jedes Projekt besteht bisland lediglich aus einem Template und einem Gameplan, müsste noch einige Iterations- und Test-Szenarios durchlaufen, ein Team finden das sich an die Implementierung macht, und vielleicht auch ein bisschen Geld akquirieren. Und doch: Redesign Democracy war ein Testlauf, der gezeigt hat, wie Menschen, die sich sonst wenig in politischen Zusammenhängen engagieren, in kürzester Zeit Lust an Politik entwickeln können! Insofern ist Redesign Democracy auch ein Instrument zu Partizipation, also zum konstruktiven Mitmachen statt frustriertem Protestwählen. Für mich und das Team vom D.Collective ist klar, dass wir dieses Event fortsetzen wollen. Wir wollen einerseits den entstandenen Projektteams die Möglichkeit geben, ihre Ideen weiterzuentwickeln. Und andererseits dieses Workshop-Format so oft wie möglich mit vielen verschiedenen Teilnehmern erneut durchführen, um jedem Einzelnen zu zeigen, wie einfach es ist, mit schlauen Ideen die Welt zu verbessern.