Jugendmedientage: Workshop „Erinnerungskultur“

1.Weltkrieg, 2. Weltkrieg, Mauerbau. Der Kalender steckt voller Gedenktage, aber vor allem das jüngere Publikum verliert den Bezug zu den Events – gibt es doch kaum noch Zeitzeugen, die diese Ereignisse direkt miterlebt haben. Wie kann Erinnerungskultur also im 21. Jahrhundert aussehen? Mit welchen Werkzeugen können Medienmacher die Geschichte wieder lebendig werden lassen – und den Leser, den Hörer oder den Zuschauer in die Zeit von damals zurückversetzen? Wie sieht eine zeitgemäße Aufbereitung von Gedenktagen aus, die auch ein jüngeres Publikum anspricht? Auf den Jugendmedientagen 2015 der Jugendpresse Deutschland habe ich gemeinsam mit meiner Kollegin Luzia Geier den Workshop „Remember me – Erinnerungskultur in den Medien“ durchgeführt. Den Workshop habe ich im Auftrag des Pressenetzwerk Jugendthemen (pnj) konzipiert, und er war Bestandteil einer Kooperationsreihe mit den Niederlanden – deshalb waren die 16 Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch zur Hälfte niederländischer Herkunft.

Dass es unter den jungen Leuten ein Überangebot an Informationen über den Zweiten Weltkrieg gibt, hat sich schon bei der Vorstellungsrunde heraus: Jeder gibt an, dauernd mit dem Thema konfrontiert zu werden, doch an Details kann sich fast niemand richtig erinnern. Wie können historische Ereignisse also zeitgemäßer und moderner aufbereitet werden? Zunächst haben wir einige Best-Practise-Beispiele unter die Lupe genommen. So hat es beispielsweise die Heilbronner Stimme mit Hilfe von WhatsApp geschafft, den Leser direkt in das Geschehen einer Bomben-Nacht zu ziehen und dabei trotzdem historisch nah an der Faktenlage zu bleiben. Kreativer und launiger muteten die Kurztexte an, mit denen der Twitter-Channel 9Nov89LIVE seine Leser scheinbar in Echtzeit über den Mauerfall unterrichtete. Das für den Grimme-Award nominierte Spiegel-Online-Projekt „Mein Vater – ein Werwolf“ über die letzten Gefolgsleute Hitlers nutzt eine Mischung aus Video, interaktiven Grafiken und Graphic Novel, um den Vergangenheits-Trip des Autoren zum Leben zu erwecken. Und ein besonders hohes Maß an Interaktion verspricht Action Bound, ein Online-Tool, mit dem sich nach dem Baukasten-Prinzip schnell Schnitzeljagden fürs Smartphone erstellen lassen – hier erschließt sich der User den historischen Content durch spielerisches Erleben.

Kreativität ist im zweiten Teil des Jugendmedientage-Workshops gefragt gewesen. Vier aus deutschen und niederländischen Teilnehmern gemischt besetzte Teams haben sich auf jeweils unterschiedliche historische Aspekte fokussiert und unterschiedliche mediale Umsetzungsformen ausprobiert. So hat eine Gruppe den Action Bound gewählt, um den Leser den langen Weg Deutschlands bis hin zum demokratischen Staat nachspielen zu lassen (Achtung, Link nur mit Smartphone spielbar!) und eine andere Gruppe, um durch die Geschichte der Bonner Universität zu führen. „Die technische Umsetzung eines Action Bounds ist kinderleicht“, stellt Teilnehmerin Katharina am Ende fest, „viel schwieriger ist es hingegen, eine sinnvolle Storyline für historische Fakten zu finden und gleichzeitig Rätsel einzubinden, die passen und den Spieler fordern.“ Anders die Herangehensweise der dritten Gruppe: Hier wurde analog dem Vorbild „Humans of New York“ das Format von digitalen Karteikarten gewählt, um einzelne Personen und deren Vergangenheit via Foto und Textbaustein festzuhalten. Das Team hat die Karten in einer vereinfachten Version in Power Point realisiert, denkbar wäre aber beispielsweise auch eine Facebook-Timeline oder eine digitale Diashow mit Tonspur. Team 4 schließlich hat sich bei der Recherche auf die Kaserne fokussiert, die seit ihrem Bau Ende des 19. Jahrhunderts wechselweise Herberge für verschiedenste Armeen war und mittlerweile von Flüchtlingen bewohnt wird. Idee des Teams war es, die unterschiedlichsten historischen Layer zu visualisieren und darüber zu fragen, wie die Vergangenheit eines Ortes in die Gegenwart wirkt. Aus Zeitgründen konnte das zwar nicht umgesetzt werden, doch die Inspirationen innerhalb des Teams waren so vielfältig, dass sich aus dem Workshop möglicherweise noch Fortsetzungsprojekte ergeben.

Für meine Kollegin Luzia und mich war dieser Workshop ein Experiment und das erste Mal, dass wir Erinnerungskultur auf diese Weise vermittelt haben. Auf Grund der positiven Resonanz und dem Feedback, dass alle Teilnehmer am Ende gerne mehr Zeit gehabt hätten, überlegen wir unser Konzept als dreitätigen Stand-Alone-Workshop noch mal in anderen Zusammenhängen anzubieten.