tip&Zitty Campus: Zusammen statt online

„Uni Unplugged“ lautet das Titelthema der neuen Ausgabe der tip&Zitty Campus, die seit April an jedem Hochschulinstitut in Berlin ausliegt. Darin widmen wir uns den MOOCs, Massive Open Online Courses, also Online-Seminare in virtuellen Hörsälen und Seminarräumen. Eine neue Demokratisierung des Wissens versprechen die Anbieter dieser Kurse durch ihre virtuellen Vorlesungen anzustoßen. Doch ist die virtuelle Uni-Welt wirklich so traumhaft? In meinem Essay habe ich mich mit dieser Frage kritisch auseinandergesetzt.

Unter den Talaren hing der Muff von 1.000 Jahren, stellten die Studenten der 68er-Revolte fest, holten tief Luft und pusteten, pusteten und pusteten – so lange, bis sich all der Staub verzogen hatte. Ein frischer Wind weht seitdem durch die Hörsäle der Republik. Und die Universität selbst? Trotz aller Unkenrufe von Bachelor- und Master-Kritikern, denenzufolge die Bologna-Reform mit einem Lernen am Fließband gleichzusetzen sei, ist die Universität ein Ort der Lebendigkeit geblieben. Zwar wird hier nur noch selten die Weltrevolution geplant. Doch studentisch organisierte Diskussionsrunden, Lesekreise, politische Stammtische, Debattier-Kurse oder Bildungsstreiks finden sich von Berlin bis Potsdam, von Flensburg bis München überall in ganz Deutschland.

Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, rollt nun angeblich eine zweite Welle der Demokratisierung durch die deutsche Hochschullandschaft. Die Anbieter von MOOCs, von Massive Open Online Courses, befreien universitäre Bildung komplett aus den Hörsälen und Seminarräumen und bieten sie im Internet an – frei zugänglich für alle und jeden. Freies Wissen für eine freie Welt! Jeder, ob Jung oder Alt, gebildet oder ungebildet, in der Großstadt oder auf dem kleinsten Dorf kann auf diese Weise den weisen Worten berühmter Professoren lauschen. Übungsaufgaben werden online gestellt, die Motivation der Studierenden wird mit Gamification-Mechanismen erhöht. Beantworte mir eine Frage richtig, und du bekommst einen extra Punkt! Bei zehn Extrapunkten darfst du eine Vorlesung schwänzen, 20 Extrapunkte kannst du in Form eines Abzeichens auf Facebook posten, auf das dein ungebildeter Freundeskreis vor der Aura deiner Intelligenz erblassen werde.

Frei ist das Wissen auf MOOCs allerdings nur in der Theorie. Denn natürlich sind es keine Althruisten, die diese Wissensplattformen ins Internet stellen. Das Ablegen einer Prüfung, das Besuchen eines besonders aufwändigen Kurses – solche zusätzlichen Gimmicks lassen sich MOOC-Anbieter teuer bezahlen. Der Professor hingegen, der nun nicht mehr vom Rednerpult sondern aus den Tiefen des Internets zu seinen Studierenden spricht, wird vom Menschen zum Deus ex Machina, zur göttlichen Stimme aus dem Off. Ungreifbar und unangreifbar doziert er sein Wissen von einer Kanzel aus Bits und Bytes. Lernenden eines MOOC wird es schwerfallen, das, was ihnen da auf dem Bildschirm vorgesetzt wird, kritisch zu hinterfragen. Gesetzt ist, was die Technik ausspuckt.

Im Gegensatz zur virtuellen Hochschule ist die herkömmliche Universität allerdings ein Raum des Anzweifelns, des Hinterfragens, des Diskutierens – also ein Kommunikationsraum, und zwar im physischen Sinne. Die Konstruktion dieser Öffentlichkeit ist untrennbar mit dem körperlichen Erfahren verbunden. Diskussionen leben von Gestik und Mimik, Interaktion profitiert von einem physischen Gegenüber. Gleichgesinnte lernen sich vielleicht im Internet kennen, aber Öffentlichkeit konstituiert sich am Ende des Tages noch immer im real life – in Form von Demonstrationen, draußen auf der Straße. Was also, wenn MOOCs die Zukunft unserer Universitäten wären? Was würde verloren gehen, was würde sich ändern? Das alles steht in meinem Essay im aktuellen tip&Zitty Campus – kostenlos an allen Instituten Berlins. Den einzelnen Artikel gibt es auch hier zu lesen.

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